Start
Ev.Id.En.Ce. 2 go - Philosophie
Die Prä-Trans-Verwechslung ist eine wichtige Komponente der integralen Theorie nach Ken Wilber. Darunter versteht man die Gleichsetzung von Zuständen vor und nach einer bestimmten Entwicklungsstufe.
Dabei gibt es zwei verschiedene Arten von Verwechslung.
Bei der einen wird die höhere Entwicklung als Regression gedeutet.
Bei der anderen gilt die aktuelle Stufe als Fehlentwicklung.
Gemeinsam ist ihnen, dass sie sich höhere Entwicklungstufen als die ihnen bkannten nicht vorstellen können.
Als Beispiele für diese zwei Verwechslungsarten sollen hier die Psychologien von Freud und Jung dienen:

  • Freud war der Ansicht, dass jede religiöse Erfahrung eine Regression in einen kindlichen Zustand sei. Jede Einheitserfahrung ist für die Psychologie nach Freud ein Zurücksehnen in den beschützten Zustand im Mutterleib. Tatsächlich sind viele solcher Zustände neurotischer Natur und können mit Regressionen in frühere Entwicklungsstadien erklärt werden. Aber dass Freud jede religiöse Erfahrung mit Regression gleichsetzt, ist eine Fehleinschätzung. Sie führt dazu, dass es als gesund, erwachsen und entwickelt gilt, sich von jeglichen religiösen Geisteszuständen fernzuhalten.
    Nun mag vom rationalen Standpunkt aus gesehen ein Erleuchtungserlebnis genauso irrational erscheinen wie der Zustand eines noch nicht zum rationalen Denken fähigen Kindes. Aber dieser erleuchtete Zustand ist transrational und nicht prärational. Das heißt, er geht über den Zustand des rationalen Denkens hinaus. Der Unterschied dabei ist, dass damit die Fähigkeit zum rationalen Denken nicht verloren geht, sondern auf einer höheren Ebene integriert wird.
    Der Fehler, der Freud damit unterläuft, ist der, dass jede Entwicklung über den rationalen Zustand hinaus geleugnet wird. Das rationale Denken gilt als Endpunkt der evolutionären Entwicklung.
  • Jung war dagegen der Ansicht, dass kindliches Erleben der Erkenntnis Gottes näher ist, als das Denken von Erwachsenen. Im Laufe unserer Entwicklung verlieren wir seiner Meinung nach den Zugang zu unserer spirituellen Heimat. Mit unseren kindlichen Gefühlen hatten wir Anschluss an das Spirituelle. Es gab eine instinktive Verbindung mit der göttlichen Schöpfung. Daher sollte es unsere Aufgabe sein, uns dieser kindlichen Seele wieder bewusst zu werden und den rationalen Erwachsenen zum Schweigen zu bringen.
    Tatsächlich kann das rationale Ego ein Hindernis auf dem Weg zu einer spirituellen Entwicklung sein (nämlich dann, wenn man den Standpunkt von Freud einnimmt). Aber nicht in der Form, dass man regredieren muss und es besser gewesen wäre, wir hätten das Erwachsenen-Ich niemals entwickelt. Die Gefühle und Instinkte von Kindern sind in erster Linie individuelle Überlebensmechanismen, die mit Spiritualität und Göttlichkeit nichts zu tun haben.
Im Prinzip machen Freud und Jung den gleichen Fehler:
Sie meinen, transrationale religiöse Erfahrung und prärationale kindliche Weltsicht seien das Selbe, nur weil es vom rationalen Standpunkt aus betrachtet gleich wirkt.
Dann aber interpretieren sie verschieden:
Freud meint, der Mystiker sei unentwickelt wie ein Kind.
Jung meint, das Kind sei spirituell erweckt wie ein Mystiker.

Dieser scheinbare Konflikt zwischen diesen beiden Standpunkten lässt sich nicht so einfach lösen. Und solange der Konflikt besteht, lässt sich ein transrationaler Zustand nicht erreichen, weil er unvorstellbar bleibt.
Wenn aber erkannt wird, dass hier eine Prä/Trans-Verwechslung vorliegt, löst sich der Konflikt von selbst und gibt den Weg frei für eine Weiterentwicklung.

Was hier anhand der Psychologien von Freud und Jung exemplarisch gezeigt wird, ist aber ein umfassendes Problem der heutigen Zeit. Es spiegelt die prinzipiellen Konflikte der globalen Kultur:

Historisch wirkte diese Verwechslung bereits beim Kampf zwischen Romantik und Aufklärung.
Gegenwärtig sehen wir diese Verwechslung beim Konflikt zwischen den religiösen Gesellschaften des nahen Ostens und der westlichen Industriegesellschaft*, beim "Kampf der Kulturen":

  • Der rationale Westen nimmt hier die Position Freuds ein und hält religiöse Menschen für mental unterentwickelt,
  • diese sind in der Position von Jung und halten ihrerseits die westliche Gesellschaft für gottlos.

Beide haben sie zum Teil recht, aber auch dieser Konflikt beruht auf der Prä/Trans-Verwechslung: Nur weil jemand religiös ist, muss er nicht unterentwickelt sein und nur weil jemand rational denkt, muss er nicht gottlos sein.

Weder ist es zielführend, das rationale Denken zu vermeiden um religiös zu bleiben, noch ist es hilfreich, das rationale Denken für den Endpunkt jeglicher evolutionärer Entwicklung zu halten. Beide Positionen verhindern eine Weiterentwicklung und zementieren den Konflikt.

Siehe auch die Pathologien der Transformation (noch nicht online)

 *Zur Zeit vermischt sich da wieder einiges, weil sich der religiöse (christliche) Fundamentalismus in der westlichen Kultur auch verstärkt ausbreitet.